Handeln wider besseres Wissen – Warum wir manchmal das Falsche tun, obwohl wir es besser wissen
Handeln wider besseres Wissen – Akrasia verstehen und überwinden
Es gehört zu den widersprüchlichsten Erfahrungen des Menschen: Wir wissen, was richtig wäre, und tun trotzdem etwas anderes. Wir wissen, dass wir ruhig bleiben sollten, und lassen uns dennoch von unserer Wut mitreißen. Wir wissen, dass Bewegung unserem Körper guttut, bleiben aber auf dem Sofa sitzen. Wir wissen, dass wir eine unangenehme Aufgabe erledigen müssen, schieben sie trotzdem bis zum letzten Augenblick hinaus. Wir wissen, dass bestimmte Worte einen anderen Menschen verletzen werden, und sprechen sie im Streit dennoch aus. Oft folgt unmittelbar danach die Erkenntnis: Eigentlich wusste ich es besser.
Dieses Phänomen ist keineswegs neu. Schon die Philosophen der Antike beschäftigten sich mit der Frage, warum der Mensch gegen seine eigene Einsicht handeln kann. Ein Begriff dafür lautet Akrasia. Gemeint ist vereinfacht das Handeln wider besseres Wissen: Ein Mensch erkennt, welche Handlung vernünftiger oder richtiger wäre, entscheidet sich im entscheidenden Moment jedoch für etwas anderes.
Gerade im Zusammenhang mit unseren bisherigen Themen ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Im Artikel über Wissen und Können haben wir betrachtet, dass eine Information im Kopf noch keine Fähigkeit darstellt. Beim Lernen lernen ging es darum, wie aus Beobachtung, Übung und Erfahrung allmählich Können entsteht. Beim Ursache-Wirkungs-Prinzip haben wir uns damit beschäftigt, dass jede Entscheidung Folgen hervorruft. Akrasia führt diese Gedanken nun an einem entscheidenden Punkt zusammen: Was geschieht, wenn wir die Zusammenhänge bereits verstanden haben und trotzdem nicht entsprechend handeln?
Warum Wissen allein unser Verhalten nicht bestimmt
Wir neigen zu der Vorstellung, dass Menschen automatisch richtig handeln würden, wenn sie nur genügend Wissen besitzen. Dahinter steckt ein nachvollziehbarer Gedanke: Wer verstanden hat, dass eine bestimmte Handlung schädlich ist, müsste sie eigentlich vermeiden. Das alltägliche Leben zeigt jedoch, dass der Mensch wesentlich komplexer funktioniert. Unser Verhalten entsteht nicht allein aus rationaler Erkenntnis. Emotionen, Gewohnheiten, Bedürfnisse, soziale Einflüsse und unsere momentane Verfassung wirken gleichzeitig auf Entscheidungen ein.
Ein Mensch kann beispielsweise genau wissen, dass eine aggressive Reaktion einen Konflikt verschärfen wird. In einem ruhigen Moment kann er diesen Zusammenhang problemlos erklären. Wird er jedoch persönlich angegriffen und empfindet plötzlich starke Wut, verändert sich seine Wahrnehmung. Die langfristige Konsequenz tritt in den Hintergrund, während das unmittelbare Bedürfnis, sich zu verteidigen oder zurückzuschlagen, an Bedeutung gewinnt. Das Wissen ist nicht verschwunden. Es besitzt in diesem Moment lediglich weniger Einfluss auf das Handeln.
Ähnliches geschieht unter Stress. Wer erschöpft ist, unter Zeitdruck steht oder emotional stark belastet wird, trifft häufig andere Entscheidungen als in einem ausgeglichenen Zustand. Auch Bequemlichkeit spielt eine Rolle. Der langfristige Nutzen einer Handlung kann vollkommen klar sein und dennoch verliert er gegen eine kurzfristige Annehmlichkeit. Genau deshalb genügt der Satz „Du weißt es doch besser“ so selten, um Verhalten dauerhaft zu verändern.
Akrasia zeigt uns damit etwas Wichtiges über den Menschen: Erkenntnis ist eine Voraussetzung für gutes Handeln, aber sie garantiert es nicht. Zwischen dem Wissen und seiner Umsetzung liegt ein Raum. Dieser Raum muss durch Fähigkeiten gefüllt werden.
Die Ursachen liegen häufig tiefer als die Handlung
Wenn wir wider besseres Wissen handeln, richtet sich unsere Aufmerksamkeit meist sofort auf den Fehler. Wir ärgern uns darüber, dass wir etwas gesagt, getan oder unterlassen haben. Doch wie bereits beim Ursache-Wirkungs-Prinzip lohnt es sich, nicht bei der sichtbaren Wirkung stehenzubleiben. Die entscheidendere Frage lautet: Welche Ursache hat dazu geführt, dass mein vorhandenes Wissen in diesem Moment nicht handlungsbestimmend war?
Die Antworten können sehr unterschiedlich sein. Gesellschaftlicher Druck kann dazu führen, dass Menschen Dinge tun, die sie allein niemals getan hätten. Der Wunsch nach Anerkennung kann stärker werden als die eigene Überzeugung. Angst kann Handlungsmöglichkeiten so stark verengen, dass eine vernünftige Entscheidung kaum noch erreichbar erscheint. Wut kann Aufmerksamkeit vollständig auf einen einzelnen Moment konzentrieren. Gier verspricht einen unmittelbaren Vorteil und lässt langfristige Folgen kleiner erscheinen. Hoffnung kann dazu führen, offensichtliche Risiken zu verdrängen. Bequemlichkeit lässt uns notwendige Schritte aufschieben, während Gewohnheiten dafür sorgen, dass wir auf bekannte Weise reagieren, obwohl wir längst erkannt haben, dass dieses Verhalten nicht zielführend ist.
Gerade Gewohnheiten zeigen besonders deutlich, warum Wissen allein nicht genügt. Eine Handlung, die hundertfach wiederholt wurde, besitzt eine enorme Kraft. Sie muss nicht jedes Mal neu entschieden werden. Der Mensch greift auf einen vertrauten Ablauf zurück. Möchte er diesen verändern, kämpft eine neue Erkenntnis zunächst gegen ein Verhalten an, das über lange Zeit eingeübt wurde. Es wäre deshalb unfair, jede misslungene Veränderung sofort als mangelnden Willen zu betrachten. Häufig befindet sich ein Mensch schlicht mitten in einem Lernprozess.
Das entschuldigt nicht jede Handlung. Es hilft jedoch, ihre Ursache zu verstehen. Und nur eine verstandene Ursache lässt sich sinnvoll bearbeiten.
Zwischen Erklärung und Ausrede liegt Verantwortung
An dieser Stelle ist eine Unterscheidung besonders wichtig. Die Ursache einer Handlung zu verstehen bedeutet nicht, die Verantwortung dafür abzugeben. „Ich war wütend“ kann erklären, weshalb jemand verletzende Worte benutzt hat. Es macht die Worte jedoch nicht ungeschehen. „Alle anderen haben es auch gemacht“ erklärt möglicherweise gesellschaftlichen Druck, hebt die eigene Entscheidung aber nicht auf.
Genau hier zeigt sich die Verbindung zwischen Ursache und Wirkung und der Selbstermächtigung. Solange wir Ursachen ausschließlich nutzen, um unser Verhalten zu entschuldigen, geben wir einen Teil unserer Handlungsfähigkeit ab. Wir erklären uns zum Ergebnis äußerer Umstände. Sobald wir Ursachen dagegen untersuchen, um zukünftige Entscheidungen zu verändern, entsteht Handlungsspielraum.
Die Frage lautet dann nicht mehr: „Wer ist schuld daran, dass ich so reagiert habe?“ Sie lautet: „Was hat in mir dazu geführt, dass ich so reagiert habe, und woran muss ich arbeiten, damit ich beim nächsten Mal anders handeln kann?“
Dieser Perspektivwechsel ist anspruchsvoll, weil er Ehrlichkeit verlangt. Es ist wesentlich angenehmer, Gründe außerhalb der eigenen Person zu finden. Persönlichkeitsentwicklung beginnt jedoch häufig dort, wo wir bereit werden, den eigenen Anteil an einer Situation zu betrachten, ohne uns dafür abzuwerten. Verantwortung bedeutet nicht Selbstbestrafung. Sie bedeutet, die Möglichkeit zur Veränderung bei sich selbst wiederzuentdecken.
Der Weg zum besseren Handeln beginnt vor der Entscheidung
Wenn Menschen versuchen, Akrasia zu überwinden, konzentrieren sie sich häufig auf den Moment der Entscheidung. Sie möchten beim nächsten Mal einfach disziplinierter, ruhiger oder vernünftiger sein. Das kann funktionieren, setzt jedoch sehr spät an. Häufig beginnt besseres Handeln wesentlich früher.
Wer beispielsweise weiß, dass er unter Stress besonders impulsiv reagiert, kann lernen, die ersten Anzeichen dieses Zustandes wahrzunehmen. Wer bestimmte Gewohnheiten verändern möchte, kann untersuchen, in welchen Situationen sie typischerweise auftreten. Wer sich leicht durch andere beeinflussen lässt, kann sich bereits vorher überlegen, welche Grenzen er nicht überschreiten möchte. Dadurch entsteht Vorbereitung.
Hier zeigt sich erneut die Bedeutung der Achtsamkeit. Je früher wir eine Ursache wahrnehmen, desto größer ist unser Handlungsspielraum. Wenn die Wut bereits vollständig übernommen hat, fällt Besonnenheit schwer. Wer dagegen bemerkt, wie die Anspannung langsam wächst, kann möglicherweise früher reagieren. Er kann Abstand gewinnen, schweigen, bevor verletzende Worte fallen, oder eine Situation für einen Moment verlassen.
Genau diese Fähigkeit wird auch in der Kampfkunst trainiert. Ein Anfänger reagiert häufig erst auf das, was bereits geschehen ist. Mit zunehmender Erfahrung lernt er, früher wahrzunehmen. Haltung, Bewegung, Distanz und Absicht werden erkannt, bevor die eigentliche Aktion vollständig entstanden ist. Übertragen auf das tägliche Leben bedeutet dies: Je besser wir uns selbst und unsere Muster kennen, desto früher können wir Einfluss auf unser Handeln nehmen.
Persönlichkeitsentwicklung zeigt sich dort, wo es schwierig wird
Es ist leicht, die eigenen Werte zu vertreten, solange sie nichts kosten. Geduld erscheint selbstverständlich, solange niemand unsere Geduld auf die Probe stellt. Gelassenheit fällt leicht, wenn alles nach unseren Vorstellungen verläuft. Respekt ist unkompliziert, solange uns der andere respektvoll behandelt. Erst in schwierigen Situationen zeigt sich, wie weit eine Erkenntnis tatsächlich Teil unserer Persönlichkeit geworden ist.
Damit schließt sich der Kreis zu unserem Artikel über Persönlichkeitsentwicklung. Der momentane Entwicklungsstand beeinflusst nicht nur, was wir verstehen, sondern auch, welche Handlungsmöglichkeiten uns in einer belastenden Situation tatsächlich zur Verfügung stehen. Eine Reaktion, die heute noch kaum kontrollierbar erscheint, kann nach längerer Arbeit an sich selbst irgendwann bewusst gesteuert werden.
Genau deshalb sollte Akrasia nicht ausschließlich als persönliches Versagen betrachtet werden. Das Handeln wider besseres Wissen macht häufig sichtbar, wo Wissen und Fähigkeit noch nicht vollständig zusammengefunden haben. Es zeigt uns die Stelle, an der Entwicklung notwendig ist.
Das bedeutet allerdings nicht, denselben Fehler endlos zu akzeptieren. Wie wir bereits im Artikel über Regeln und Fehler betrachtet haben, besteht der Sinn eines Fehlers darin, daraus zu lernen. Wer erkennt, dass er immer wieder gegen die eigene Überzeugung handelt, erhält eine wichtige Information über sich selbst. Diese Erkenntnis darf unangenehm sein. Entscheidend ist, was daraus entsteht.
Selbstermächtigung bedeutet, den Abstand zwischen Wissen und Handeln zu verkleinern
Vollständige Widerspruchsfreiheit ist wahrscheinlich ein unrealistisches Ziel. Menschen werden weiterhin Fehler machen, Emotionen erleben und gelegentlich Entscheidungen treffen, die sie später bereuen. Persönlichkeitsentwicklung bedeutet nicht, zu einem fehlerlosen Menschen zu werden. Sie bedeutet vielmehr, bewusster mit diesen Widersprüchen umgehen zu können.
Selbstermächtigung zeigt sich deshalb auch darin, den Abstand zwischen dem, was wir als richtig erkannt haben, und dem, was wir tatsächlich tun, Schritt für Schritt zu verkleinern. Dafür braucht es Wissen, aber ebenso Übung, Selbstbeobachtung, Disziplin und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Wir müssen unsere Ursachen kennenlernen, wenn wir andere Wirkungen erzeugen möchten.
Damit greifen die verschiedenen Themen unserer bisherigen Reihe ineinander. Ursache und Wirkung helfen uns, Zusammenhänge zu erkennen. Persönlichkeitsentwicklung bestimmt, welche Möglichkeiten wir überhaupt wahrnehmen und nutzen können.
Selbstermächtigung bedeutet, Verantwortung für diesen Prozess zu übernehmen. Wertschätzung gibt unserem Handeln eine Richtung, indem sie uns bewusst macht, was uns wichtig ist. Und Akrasia zeigt uns jene Momente, in denen unsere Handlungen noch nicht mit dieser Erkenntnis übereinstimmen.
Vielleicht liegt genau darin eine der ehrlichsten Formen persönlicher Entwicklung. Nicht zu behaupten, immer richtig zu handeln, sondern bereit zu sein, die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wahrzunehmen und daran zu arbeiten.
Vom besseren Wissen zum besseren Handeln
Die entscheidende Frage lautet deshalb am Ende nicht, wie viel ein Mensch weiß. Wissen besitzt zweifellos einen großen Wert. Doch erst wenn daraus eine Haltung und schließlich eine Handlung entsteht, verändert es etwas.
Wer Respekt wichtig findet, muss lernen, auch im Konflikt respektvoll zu handeln. Wer Wertschätzung für wichtig hält, muss sie im Umgang mit Menschen, Dingen und Natur sichtbar werden lassen. Wer Verantwortung als Wert betrachtet, muss sie gerade dann übernehmen, wenn eine Entscheidung unangenehme Konsequenzen hat. Und wer erkannt hat, dass eine bestimmte Gewohnheit schadet, muss irgendwann beginnen, eine andere einzuüben.
Dieser Weg braucht Wiederholung. Damit gelangen wir interessanterweise wieder zu einem unserer scheinbar einfachsten Themen zurück. Wie bei einer Technik im Taekwon Do reicht es nicht, zu wissen, wie etwas geht. Eine Haltung muss geübt werden, bis sie auch dann verfügbar bleibt, wenn Druck entsteht. Aus Erkenntnis muss Erfahrung werden und aus Erfahrung schließlich eine Fähigkeit.
Vielleicht besteht genau darin der Unterschied zwischen einem Menschen, der weiß, was richtig wäre, und einem Menschen, der zunehmend in der Lage ist, danach zu handeln. Der erste besitzt Erkenntnis. Der zweite beginnt, sie zu leben.
Entwicklung in der Kampfkunstschule Neukölln
In der Kampfkunstschule Neukölln geht es deshalb nicht ausschließlich darum, Techniken zu kennen. Taekwon Do bietet einen praktischen Raum, in dem Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle, Verantwortung und der Umgang mit den eigenen Grenzen immer wieder erfahren werden können. Gerade unter Anstrengung zeigt sich, wie schwierig es manchmal ist, das bereits Gelernte tatsächlich umzusetzen – und genau darin liegt eine wertvolle Möglichkeit zur Entwicklung.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene dürfen dabei erleben, dass Fortschritt nicht darin besteht, niemals einen Fehler zu machen. Entscheidend ist, Fehler wahrzunehmen, ihre Ursachen zu verstehen und beim nächsten Mal eine bessere Handlungsmöglichkeit zu entwickeln.
Wer diesen Weg selbst kennenlernen möchte, ist herzlich zu einem Probetraining in der Kampfkunstschule Neukölln eingeladen. Denn zwischen dem Wissen, was richtig ist, und der Fähigkeit, danach zu handeln, liegt ein Weg – und wie jeder Weg beginnt auch dieser mit dem ersten bewussten Schritt.



