Wertschätzung lernen und leben – Warum sie für Menschen und unsere Umwelt wichtig ist
Wertschätzung lernen und leben – Warum sie für Menschen und unsere Umwelt wichtig ist
Wertschätzung gehört zu jenen Begriffen, die wir im Alltag häufig verwenden und deren Bedeutung auf den ersten Blick selbstverständlich erscheint. Wir möchten wertgeschätzt werden, wünschen uns einen wertschätzenden Umgang miteinander und kritisieren es, wenn Menschen scheinbar achtlos mit anderen, mit Dingen oder mit ihrer Umwelt umgehen. Doch sobald wir genauer fragen, was Wertschätzung eigentlich bedeutet, wird die Antwort schwieriger. Denn Wertschätzung ist mehr als Höflichkeit, ein Lob oder ein freundliches Wort. Sie beginnt wesentlich früher: mit der Fähigkeit, den Wert von etwas überhaupt wahrzunehmen.
Schon das Wort selbst weist darauf hin. Wir „schätzen“ einen „Wert“. Dafür müssen wir zunächst erkennen, dass etwas einen Wert besitzt, der nicht ausschließlich von seinem unmittelbaren Nutzen für uns abhängt. Bei einem Menschen bedeutet dies, ihn nicht nur danach zu beurteilen, was er für uns leisten kann, wie erfolgreich er ist oder ob er unseren Erwartungen entspricht. Bei einem Gegenstand kann es bedeuten, seine Herstellung, seine Funktion oder die Arbeit zu respektieren, die in ihm steckt. Gegenüber der Natur bedeutet Wertschätzung, zu verstehen, dass unsere Umwelt nicht lediglich eine Ansammlung von Ressourcen ist, die uns unbegrenzt zur Verfügung stehen.
Damit beginnt Wertschätzung zunächst mit Wahrnehmung. Was wir nicht bewusst wahrnehmen, können wir kaum wertschätzen. Vieles, was uns täglich umgibt, wird gerade deshalb selbstverständlich, weil es ständig verfügbar ist. Gesundheit wird häufig erst dann bewusst wahrgenommen, wenn sie beeinträchtigt ist. Die Unterstützung eines anderen Menschen erscheint selbstverständlich, bis sie eines Tages fehlt. Ein Gegenstand wird benutzt, ohne darüber nachzudenken, woher er stammt oder wer ihn hergestellt hat. Selbst die Natur, von sauberem Wasser bis zu einem Baum vor unserer Haustür, wird schnell zur bloßen Kulisse unseres Alltags. Wertschätzung beginnt deshalb häufig mit einer scheinbar einfachen Übung: genauer hinzusehen.
Menschen wertzuschätzen bedeutet nicht, alles an ihnen gutzuheißen
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Wertschätzung eines Menschen und der Bewertung seines Verhaltens. Einen Menschen wertzuschätzen bedeutet nicht, jede seiner Entscheidungen richtig zu finden. Wir können eine Handlung ablehnen, eine Meinung kritisieren oder Grenzen setzen und dem Menschen dennoch mit Achtung begegnen. Gerade diese Trennung ist für ein respektvolles Zusammenleben von großer Bedeutung.
Wenn wir den Wert eines Menschen ausschließlich daran knüpfen, ob er unseren Vorstellungen entspricht, entsteht keine wirkliche Wertschätzung. Dann entsteht Zustimmung unter Bedingungen. Solange der andere sich so verhält, wie wir es erwarten, behandeln wir ihn freundlich. Sobald er widerspricht, Fehler macht oder andere Entscheidungen trifft, verändert sich unsere Haltung. Echte Wertschätzung zeigt sich dagegen besonders dort, wo Unterschiede bestehen. Sie ermöglicht es, hart in der Sache und dennoch respektvoll gegenüber dem Menschen zu bleiben.
Das bedeutet keineswegs, jedes Verhalten hinzunehmen. Wertschätzung darf nicht mit Gleichgültigkeit oder grenzenloser Toleranz verwechselt werden. Gerade weil wir einen Menschen ernst nehmen, dürfen wir ihm widersprechen. Gerade weil uns jemand wichtig ist, können wir ihn auf ein Verhalten aufmerksam machen, das ihm oder anderen schadet. Entscheidend ist die Haltung, aus der dies geschieht. Möchte ich den anderen erniedrigen und mich über ihn stellen, oder möchte ich eine Grenze deutlich machen und gleichzeitig seine Würde achten?
Diese Fähigkeit wirkt unmittelbar auf zwischenmenschliche Beziehungen. Menschen spüren sehr genau, ob sie lediglich geduldet, benutzt oder tatsächlich gesehen werden. Wo Wertschätzung vorhanden ist, entsteht Vertrauen. Wo Vertrauen wächst, können Menschen offener miteinander sprechen, Fehler eingestehen und unterschiedliche Ansichten aushalten. Das gilt für Freundschaften und Familien ebenso wie für Schulen, Arbeitsplätze oder eine Trainingsgemeinschaft.
Gerade Kinder lernen diesen Umgang weniger durch Erklärungen als durch Erfahrung. Ein Kind, das erlebt, dass seine Gedanken ernst genommen werden, ohne dass jeder Wunsch erfüllt werden muss, entwickelt ein anderes Verständnis von Respekt als ein Kind, das Wertschätzung ausschließlich mit Lob verbindet. Es lernt, dass sein Wert nicht davon abhängt, immer erfolgreich zu sein. Gleichzeitig kann es lernen, auch anderen Menschen diese Achtung entgegenzubringen.
Was unser Umgang mit Dingen über unsere Haltung offenbart
Wertschätzung endet jedoch nicht bei Menschen. Auch unser Verhältnis zu Dingen erzählt viel über unsere innere Haltung. Das mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, denn ein Gegenstand besitzt selbstverständlich nicht dieselbe Würde wie ein Mensch. Genau deshalb ist die Unterscheidung wichtig. Menschen und Dinge dürfen niemals auf dieselbe Ebene gestellt werden. Trotzdem können wir auch Dingen mit Achtung begegnen.
Wer einen Gegenstand wertschätzt, geht anders mit ihm um. Er pflegt ihn, repariert ihn möglicherweise, bevor er ihn ersetzt, und wirft ihn nicht achtlos weg. Dahinter steht nicht zwangsläufig materielles Denken. Im Gegenteil: Gerade die Vorstellung, jederzeit alles ersetzen zu können, kann dazu führen, dass Dinge ihren wahrgenommenen Wert verlieren. Was jederzeit neu gekauft werden kann, scheint kaum noch schützenswert zu sein.
In einer schnelllebigen Konsumgesellschaft ist dieser Gedanke besonders interessant. Vieles wird hergestellt, benutzt und kurze Zeit später ersetzt. Das Neue besitzt einen Reiz, während das Vertraute schnell an Aufmerksamkeit verliert. Genau darin besteht eine bemerkenswerte Verbindung zu unserem Artikel über die Bedeutung der Wiederholung. Auch dort haben wir gesehen, wie leicht Menschen das Bekannte unterschätzen, weil es seinen Reiz des Neuen verloren hat. Wert und Neuheit sind jedoch nicht dasselbe. Manches gewinnt seinen eigentlichen Wert sogar erst durch Zeit, Erfahrung und den sorgsamen Umgang damit.
In der Kampfkunst lässt sich diese Haltung sehr konkret erleben. Die Trainingshalle, die Kleidung, Trainingsgeräte und die Gegenstände, die gemeinsam genutzt werden, sind nicht beliebig. Wer sie während und nach Gebrauch ordentlich behandelt und den Trainingsraum so hinterlässt, dass auch der Nächste ihn gut nutzen kann, übt Wertschätzung in einer sehr praktischen Form. Es geht dabei nicht um übertriebene Förmlichkeit. Es geht um die Erkenntnis, dass gemeinschaftlich genutzte Dinge nur dann erhalten bleiben, wenn Menschen Verantwortung für sie übernehmen.
Von der Wertschätzung der Dinge zur Wertschätzung der Natur
Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang beim Blick auf unsere Umwelt. Wenn Menschen Natur lediglich danach bewerten, welchen unmittelbaren Nutzen sie für uns besitzt, verändert sich zwangsläufig unser Umgang mit ihr. Ein Wald wird dann vor allem zu Holz, ein Fluss zu Wasser und eine Landschaft zu einer Fläche, die genutzt werden kann. Wertschätzung erweitert diese Perspektive. Sie lässt uns erkennen, dass wir Teil eines Zusammenhangs sind, von dem wir selbst abhängig sind.
Aus dieser Erkenntnis folgt Verantwortung. Was ich wertschätze, möchte ich nicht unnötig beschädigen. Ich gehe bewusster damit um, pflege es und versuche, es zu erhalten. Genau deshalb sind Wertschätzung und Schutz eng miteinander verbunden. Das gilt für den eigenen Körper ebenso wie für Gegenstände, gemeinschaftliche Räume und die Natur.
Dabei muss Wertschätzung nicht in großen Gesten bestehen. Häufig zeigt sie sich gerade im Kleinen. Darin, wie wir mit Lebensmitteln umgehen, ob wir Dinge achtlos wegwerfen, wie wir öffentliche Räume hinterlassen oder ob wir selbstverständlich erwarten, dass andere hinter uns aufräumen. Solche alltäglichen Handlungen mögen unbedeutend erscheinen, doch sie formen Gewohnheiten. Und Gewohnheiten prägen mit der Zeit unsere Haltung.
Hier begegnen wir erneut dem Ursache-Wirkungs-Prinzip. Eine einzelne achtlose Handlung scheint kaum Folgen zu haben. Wird sie jedoch zur Gewohnheit und von vielen Menschen übernommen, verändert sich ihre Wirkung erheblich. Ebenso kann eine kleine wertschätzende Handlung eine Ursache setzen, aus der weitere Wirkungen entstehen. Wer sorgsam mit etwas umgeht, beeinflusst möglicherweise auch den Menschen, der dies beobachtet. Aus Haltung entsteht Verhalten, aus Verhalten entsteht Wirkung und diese Wirkung kann wiederum eine neue Ursache bilden.
Wertschätzung lässt sich entwickeln
Die gute Nachricht besteht darin, dass Wertschätzung keine Eigenschaft ist, die ein Mensch entweder besitzt oder nicht besitzt. Sie lässt sich entwickeln. Wie so vieles beginnt auch dieser Prozess mit Aufmerksamkeit. Wir können lernen, Dinge wieder bewusst wahrzunehmen, die längst selbstverständlich geworden sind. Wir können uns fragen, welche Menschen unser Leben bereichern, welche Unterstützung wir täglich erhalten und welche Voraussetzungen notwendig sind, damit unser Alltag überhaupt funktioniert.
Dabei genügt es jedoch nicht, Wertschätzung lediglich zu empfinden. Sie muss irgendwann sichtbar werden. Wer einen Menschen schätzt, sollte dies auch in seinem Verhalten erkennen lassen. Wer einen Gegenstand wertschätzt, geht sorgsam mit ihm um. Wer die Natur wertschätzt, übernimmt Verantwortung für seinen Umgang mit ihr. Erst in der Handlung erhält eine innere Haltung ihre Wirkung.
Genau an diesem Punkt wird Wertschätzung zu einem Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Wir lernen, unsere Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf uns selbst und unsere unmittelbaren Bedürfnisse zu richten, sondern Zusammenhänge wahrzunehmen. Wir erkennen, dass unser Handeln andere Menschen und unsere Umgebung beeinflusst. Aus dieser Erkenntnis kann eine bewusstere Form des Handelns entstehen.
Doch genau hier wartet eine der schwierigsten Herausforderungen. Denn etwas als richtig erkannt zu haben bedeutet noch lange nicht, entsprechend zu handeln. Wir können wissen, dass wir einen Menschen wertschätzen sollten, und ihn im Zorn dennoch verletzen. Wir können wissen, dass ein bestimmtes Verhalten uns selbst schadet, und es trotzdem wiederholen. Wir können verstehen, welche Entscheidung richtig wäre, und uns dennoch für eine andere entscheiden.
Dieses Phänomen hat einen Namen: Akrasia – das Handeln wider besseres Wissen. Damit beschäftigt sich der nächste Artikel. Er führt uns zu einer Frage, die unmittelbar mit Wertschätzung, Ursache und Wirkung sowie Selbstermächtigung verbunden ist: Warum tun Menschen manchmal genau das, von dem sie bereits wissen, dass sie es eigentlich nicht tun sollten?
Wertschätzung in der Kampfkunstschule Neukölln
In der Kampfkunstschule Neukölln verstehen wir Werte nicht als Begriffe, die lediglich ausgesprochen werden. Sie erhalten ihre Bedeutung erst dadurch, dass sie gelebt werden. Respekt gegenüber Trainingspartnern, ein bewusster Umgang mit dem gemeinsamen Trainingsraum und die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, gehören deshalb ebenso zur Entwicklung wie das Erlernen einer Technik.
Taekwon Do bietet Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einen Rahmen, in dem solche Haltungen nicht nur erklärt, sondern immer wieder praktisch erfahren werden können. Wer diesen Weg kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen, die Kampfkunstschule Neukölln bei einem Probetraining kennenzulernen. Denn Wertschätzung beginnt letztlich nicht mit einem großen Gedanken, sondern mit der Art und Weise, wie wir Menschen und unserer Umwelt im täglichen Leben begegnen.




